Causa Wirecard AG: Schießen sich die Anleger selbst ins Knie?

Liebe Leser,

in diesen Tagen laufen nun in der Causa Wirecard zahlreiche sog. Kapitalanleger-Musterverfahren etwa gegen die AG selbst, ihren Vorstand und gegen den Wirtschaftsprüfer Ernst & Young an. Allein die Tübinger Rechtsanwaltskanzlei Tilp hat in den vergangenen Tagen nach eigenen Angaben rund 30.000 Wirecard-Opfer versammelt und geht nun am Landgericht München I gegen die genannten Klagegegner vor.

In der Tat sind die Erfolgsaussichten der Kläger blendend. Teilweise dürften hier gleich mehrere Tatbestände wie etwa Verletzung der Ad-Hoc-Pflichten, Bilanzfälschung und Veruntreuung verwirklicht sein. Gleichwohl ist derzeit völlig offen, ob die Kläger wirklich Genugtuung sprich Schadensersatz erlangen werden. Am Ende droht hier ein Urteil, dass bestenfalls von juristischem und symbolischem Wert ist.

Klagegegner 1: Der Vorstand der Wirecard war immer schon von geringer Mannstärke und umfasste nie mehr als 4 Mitglieder. Dabei kann der Ex-Vorstandsvorsitzende Markus Braun mittlerweile als weitgehend mittellos gelten. Zuletzt musste er bereits sein Aktienpaket an der Wirecard AG weitgehend veräußern, um einen Privatkredit abzudecken. Der Mann für das Tagesgeschäft, Jan Marsalek, ist ohnehin abgängig und dürfte für den Arm des deutschen Gesetzes nicht erreichbar sein. Derzeit hält sich Marsalek vermutlich in Asien auf. Angeblich ist er mit einer Philippinin verheiratet. Er verfügt also über gewisse Ortskenntnisse und wird Stand heute in den nächsten Jahren nicht mehr in Europa auftauchen.

Bleibt also noch der aktuelle Finanzvorstand Alexander von Knoop, der die Finanzen des Unternehmens seit Anfang 2018 verantwortet. Zuvor war er interner Revisor und später dann Chef der Tochter Wirecard Bank. Er ist damit Teil des Systems Wirecard und dürfte in den anstehenden Verfahren Wesentliches zur Aufklärung beitragen. Sinnvoll erscheint mir zudem, seinen Vorgänger Burkard Ley noch ins Boot zu holen, der die Bilanzen der Geschäftsjahre 2006 bis 2017 verantwortet hat.

Gleichwohl gilt: Am Ende wird man hier bestenfalls einige Millionen einsammeln können. Einen substanziellen Beitrag zum Schadensersatz werden die genannten Personen kaum leisten können.

Klagegegner 2: Der Abschlussprüfer Ernst & Young Deutschland kann als zahlungskräftig gelten. So erwirtschaftete die Gesellschaft zuletzt einen Jahresumsatz in Höhe von 2 Milliarden Euro. Das Problem: Die Haftung des Abschlussprüfers ist im Grundsatz auf 4 Millionen Euro beschränkt. Diese Haftungsgrenze lässt sich nur dann aushebeln, wenn den Klägern der Nachweis gelingt, dass die Wirtschaftsprüfer vorsätzlich gehandelt und sich zum Komplizen des Vorstands gemacht haben. Die Beweisführung dürfte schwierig sein.

Meine Prognose: Ernst & Young wird bluten. Dabei wird der Abschlussprüfer im Rahmen eines Vergleiches bereit sein, bei den Entschädigungszahlungen deutlich über die gesetzliche Haftungsgrenze hinauszugehen. Auf diese Weise kann sich die Gesellschaft aus dem mehrjährigen Verfahren beizeiten herausziehen und den eigenen Reputationsschaden begrenzen. Dennoch gilt auch hier: Im Vergleich zum entstandenen Gesamtschaden werden die Entschädigungen kaum mehr als der berühmte Tropfen auf den heißen Stein sein.

Das Dilemma: Der Kläger verklagt sich indirekt selbst

Die anlaufenden Gerichtsverfahren in München und Stuttgart basieren auf dem sog. Kapitalanleger-Musterverfahrensgesetz. Dieses Gesetz stammt aus dem Jahr 2005, als rund 16.000 Einzelverfahren gegen die Deutsche Telekom anhängig waren. Zur Erinnerung: Damals führte die Telekom ihren zweiten großen Börsengang durch. Die Kläger behaupteten, dass das Unternehmen im Börsenprospekt den Wert der unternehmenseigenen Immobilien wissentlich aufgebläht hatte. Die Kaufentscheidung fußte also auf unrichtigen Prospektangaben, so die Kläger.

Zuletzt war der Autobauer VW mit einer ähnlichen Musterklage konfrontiert. Hier wurde angeführt, dass das Unternehmen die Investoren falsch über den sog. Diesel-Skandal informiert hatte.

Die Causa Wirecard weist allerdings einen zentralen Unterschied zu den vorgenannten Verfahren auf. Damals gingen die Anleger gegen zwei DAX-Unternehmen vor, die uneingeschränkt zahlungsfähig waren. Zudem stand bereits im Vorfeld fest, dass die beiden Großunternehmen an den Schadensersatzklagen nicht sterben würden.

Und genau hier wird das Dilemma der geprellten Wirecard-Aktionäre offensichtlich. Klagegegner 3, also die AG selbst, hat inzwischen einen Antrag auf Eröffnung eines Insolvenzverfahrens gestellt. Das Unternehmen ist also jetzt schon wirtschaftlich nahezu tot und praktisch wertlos. Die Anleger haben im Prinzip nun zwei Optionen: