September

September 28, 2018

 

Lieber Leser,

 

diese Frage ist legitim: Warum markieren die US-Börsen unverändert neue Rekordstände, während die europäischen Börsen keinen Meter machen? Auch im September sackte der DAX wieder einmal über 2 % ab. Der EuroStoxx 50 war zwar etwas besser. Mehr als eine rote Null steht hier allerdings auch nicht zu Buche. Währenddessen gewann der breit aufgestellte US-Index S&P 500 erneut leicht hinzu und notiert aktuell in der Nähe seines Allzeit-Hochs von 2.930 Punkten. Vergleichen Sie hierzu bitte den folgenden Einjahres-Chart!

 

 

Auf Sicht von 12 Monaten wird die notorische Schwach-Performance des DAX besonders offensichtlich: Der deutsche Leitindex verlor fast 4 %, während der US-Index satte 16 % zulegte. Was sind die Hintergründe?

 

Belastungsfaktor 1: Der schwelende Handelskrieg zwischen den USA und China! Es mag auf den ersten Blick erstaunlich sein. Donald Trump erklärt China den Handelskrieg und US-Aktien steigen, während DAX-Titel verlieren. Der kausale Zusammenhang ist einfach: Die chinesische Exportwirtschaft und damit die chinesische Volkswirtschaft wird leiden, wenn der US-Präsident den US-Markt gegenüber chinesischen Exporten abschottet. In der Folge wird wiederum die deutsche bzw. europäische Exportwirtschaft weniger im Reich der Mitte absetzen.

 

Generell reagiert der DAX sehr sensibel auf jede ernsthafte Störung des Welthandels. Nahezu alle Unternehmen des DAX erzielen ganz erhebliche Gewinne im Außenhandel. Dabei hat in den vergangenen Jahren besonders das China-Geschäft für das Extra-Wachstum der deutschen Export-Unternehmen gesorgt. Eine (denkbare) Schwäche der chinesischen Konjunktur wirkt sich daher auf deutsche Export-Unternehmen in besonderem Maße aus.

 

Anders die Situation für US-Unternehmen: Sehr viele US-Unternehmen agieren eigentlich nur auf dem Heimatmarkt und in Kanada. Ihre Exportquote ist gering. Ergo sind sie vom Handelskrieg nicht betroffen. Ganz im Gegenteil: Es gibt sogar eine gewisse Phantasie im Markt, dass der harte Konfrontationskurs des Donald Trump den China-Markt für US-Unternehmen erst richtig öffnen wird.

 

Brexit-Verhandlungen sind zunächst verfahren

 

Belastungsfaktor 2: Die Brexit-Verhandlungen zwischen London und Brüssel stocken, um es vorsichtig zu formulieren. Es wird immer offensichtlicher, dass beide Seiten nur wenig politischen Verhandlungsspielraum haben. Die britische Premierministerin Theresa May kann es ohnehin im eigenen Land niemandem recht machen. Bei den harten Brexit-Anhängern steht sie im Verdacht, nur einen ganz weichen Ausstieg aus der EU zu favorisieren. Deshalb haben mit Boris Johnson und David Davies bereits zwei politische Schwergewichte der Torys die Regierung unter Protest verlassen.

 

Aber auch die Brexit-Gegner schießen gegenwärtig ganz scharf gegen Theresa May. Ihnen sind die Verhandlungen als Ganzes ein Dorn im Auge. Hier favorisiert man im Kern ein neues Referendum. Keine Frage: Theresa May ist innenpolitisch angeschlagen und wirkt in ihrer Verhandlungsführung wenig souverän.

 

Für die EU verhandelt der Franzose Michel Barnier. Ihm ist aus Paris und Berlin ganz klar aufgetragen worden: Mach den Brexit unerfreulich für die Briten und zeige ganz Europa, dass sich ein Austritt aus der EU niemals lohnen wird.

 

Das sind zweifellos keine günstigen Voraussetzungen für einen erfolgreichen und gut geplanten Brexit. Die Konsequenzen eines harten Brexit sind klar: Das britische Pfund würde abschmieren und gleichzeitig würde die britische Volkswirtschaft in einer mittelschweren Rezession versinken.

 

Zur Information: Großbritannien ist nach Deutschland die größte Volkswirtschaft Europas. Gerät sie in Nöte, wird das zwangsläufig Wachstum in allen übrigen europäischen Volkswirtschaften kosten.

 

Trotzdem bin ich weiterhin optimistisch, dass beide Seiten am Ende, also bis zum 29. März 2019, eine brauchbare Lösung finden werden. Gleichwohl ist die aktuelle Situation sowohl für die Investoren als auch für die Unternehmen sehr undankbar. Es fehlt hier an jeder Planungssicherheit. So wissen die europäischen Unternehmen immer noch nicht, ob man an den britischen Standorten festhalten kann oder besser eine Verlagerung ins Auge fasst. Neuinvestitionen werden folglich auf die lange Bank geschoben. In diesem Umfeld überrascht es nicht, dass europäische Aktien gegenwärtig zurückhängen.

 

BMW patzt und erstmals interessiert es keinen mehr

 

Vergleichsweise entspannt gingen die Investoren mit der jüngsten Gewinnwarnung des Autobauers BMW um. Erstmals seit vielen Monaten wurden die Aktien der übrigen Autobauer oder Zulieferer nicht undifferenziert mit abgestraft. Börsianer bezeichnen diesen Effekt ja auch gerne als Sippenhaft.

 

Der bayerische Autobauer hatte seine Gewinn- und Umsatzprognose für das laufende Geschäftsjahr zurückgenommen. Klar ist mittlerweile, dass man die Ergebnisse des Rekordjahres 2017 nicht mehr übertreffen wird, sondern sogar leicht unter dieses Niveau zurückfallen wird. Das ist ein Indiz dafür, dass die Autobranche nach mehreren Rekordjahren in Folge vor einer zyklischen Abkühlung steht.

 

Wie gesagt, trotzdem blieben die Investoren relativ entspannt. Zwar sackte die BMW-Aktie selbst spürbar um fast 6 % ab. Die Daimler-Aktie hingegen verlor keine 2 % mehr. Die VW-Aktie legte sogar mächtig zu, so als hätte es die Gewinnwarnung aus München gar nicht gegeben. Auch die Aktien der meisten Autozulieferer zeigten keine Reaktion auf die Hiobsbotschaft.

 

Das deutet darauf hin, dass die schlechten Nachrichten bzw. niedrigen Erwartungen des Marktes an die Unternehmen der Branche inzwischen sehr umfassend eingepreist sind. Man rechnet mit einer starken Abkühlung der Nachfrage, einem massiven Rückgang der Gewinne und sogar erheblichen Dividendenkürzungen.

 

Nicht umsonst notieren die Aktien der zuvor genannten Autobauer durch die Bank unter ihrem Buchwert. Bei diesen niedrigen Bewertungen weisen die Aktien naturgemäß eine hohe Resistenz gegenüber schlechten Nachrichten auf. Und jetzt aufgepasst: Eine solche Konstellation hat in der Vergangenheit immer eine grundsätzliche Wende für Auto-Aktien vorbereitet.

 

Deshalb rate ich Ihnen, an den Aktien der Branche, ganz gleich ob Autobauer oder Zulieferer ab jetzt festzuhalten. Mehr noch: Wer hier noch nicht investiert ist, kann Ende Oktober damit beginnen, einige Positionen aufzubauen. Entsprechend werde ich noch in diesem Jahr für meine Kunden verfahren. Dabei sollen Autoaktien jetzt nicht der neue Schwerpunkt Ihres Depots werden. Aber eine begrenzte Beimischung dieser Titel wird Ihrer Depot-Performance definitiv nicht schaden.

 

Abschließendes Fazit: Die Börsenanlage hat uns in den vergangenen Wochen und Monaten keine große Freude gemacht. Auch in den kommenden Wochen werden Handelskrieg und Brexit-Thematik den Aktienmarkt belasten. Allerdings sind das keine strukturellen Probleme, sondern politische Herausforderungen, die das zustände Personal beilegen kann und wird. Meine Handlungsempfehlung: Punktuell dürfen Sie bei ausgesuchten Qualitätstitel jetzt langsam wieder zufassen oder nachkaufen.

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